WELTMACHTTRÄUME HINTER AACHENER FASSADEN
Kolonialismus, Weltkriege und NS-Imperialismus
Dieser zeithistorische Rundgang spannt den Bogen vom Ersten Weltkrieg über die zutiefst unfriedliche Zwischenkriegszeit bis nach 1945. Er analysiert an konkreten Schauplätzen die ideologischen Kontinuitäten deutscher Weltmachtambitionen, den globalen Nährboden der Weltkriege (wie die Giftgaskriege im Rifgebirge oder in Abessinien 1935) und die tödlichen Verknüpfungen mit rassistischer NS-Propaganda, die zu Wehrmachtsmassakern an afrikanischen Kriegsgefangenen führte. Dabei bricht der Rundgang die dominante Täterperspektive bewusst durch gezielte Exkurse auf, die historischen Gegenstimmen, dem antikolonialen Widerstand (wie den indonesischen Aktivisten im europäischen Untergrund) und der Handlungsmacht der Betroffenen den notwendigen Raum geben.
Inhaltliche Schwerpunkte und Stationen:
- Bahnhofplatz (Auftaktstation) – Logistik des Weltkriegs, Besatzung & biologische Ausgrenzung: Der Bahnhof als Umschlagplatz für Truppen und Kriegsgefangene (Bezug zum Grab von Kami Gurung). Das ehemalige Gesundheitsamt beleuchtet die Erfassung von Nachkommen französischer Kolonialsoldaten und deutscher Frauen sowie Biografien wie die von Willi Barten.
- Wallstraße (Ehem. Vereinslokal des ADV) – Vom Übersee-Kolonialismus zur „Lebensraum“-Ideologie: Vernetzung bürgerlicher Eliten im Alldeutschen Verband. Der Wandel zum kontinentalen Imperialismus und die Verknüpfung von Ratzels Geopolitik mit Max Eckerts völkischer Kartographie – mit dem Frieden von Brest-Litowsk (1918) als imperialem Probelauf.
- Franzstraße (Ehem. Lettow-Vorbeck-Schule) & Marschiertor – Imperiale Kontinuitäten: Die Militarisierung der Jugend in der NS-Zeit und die Demontage des Mythos um General von Lettow-Vorbeck.
- Ehem. Aachener Puppenspiele – Alltagspropaganda & vergessene Kriege: Das Puppentheater als Transportmittel kolonialrevisionistischer Propaganda. Der Bogen schlägt sich über den Giftgaseinsatz im Rifgebirge und in Abessinien (1935) bis hin zu der Frage, warum rassismubedingt bestimmte Kriege aus dem Gedächtnis Europas getilgt wurden.
- Reichskolonialbund & koloniale Großkundgebung (Oktober 1941): Ein zentraler analytischer Schwerpunkt: Mitten im europäischen Vernichtungskrieg veranstaltete der Reichskolonialbund hier eine koloniale Großkundgebung. Die Tour untersucht die Funktion dieser Propaganda zur Mobilisierung der Heimatfront – parallel zum anlaufenden „Generalplan Ost“.
- Ehem. Redaktionsgebäude "Westdeutscher Beobachter" – Remilitarisierung, Hetze & mörderischer Kreisschluss: Die Zäsur von 1936 im Schatten des Abessinienkrieges. Die rassistische Hetzkampagne des Westdeutschen Beobachters (1940) gegen Tirailleurs Sénégalais, die zu Wehrmachtsmassakern an afrikanischen Kriegsgefangenen führte – im Paradoxon zur späteren Befreiung Europas (Blanchiment) und den Netzwerken des globalen Widerstands (z. B. Perhimpoenan Indonesia).
Methodischer Ansatz und Gegenwartsbezug
Dieser Rundgang ist thematisch anspruchsvoll und zeichnet ideologische Kontinuitäten von der Ära des Kaiserreichs bis in die 1940er Jahre nach. Die Vermittlung erfolgt quellenbasiert durch präzise Zitate und historische Dokumente. Durch das gezielte Einbeziehen globaler Gegenstimmen bricht er eurozentrische Erinnerungslücken auf und schlägt Brücken zu den globalen Machtverhältnissen der Gegenwart.
Organisatorische Eckdaten
Dauer: ca. 120 Minuten
Strecke: Barrierearmer Rundweg in der Aachener Innenstadt
Treffpunkt: Bekanntgabe bei Buchung
Zielgruppe: Studierende, Bildungsträger, Volkshochschulen (VHS), NGOs, geschlossene Fachgruppen sowie Lernende der Sekundarstufe II