DAS WELT(LICHE)REICH
Zwischen geistlicher und imperialer Macht – Mission und Kolonialismus in Aachen
Neben dem Streben nach wirtschaftlicher und politischer Macht bildete die weltweite Verbreitung des Christentums eine zentrale Triebfeder des europäischen Kolonialismus. Das Verhältnis zwischen Mission und imperialer Expansion war von Anfang an eng verflochten, jedoch hochgradig ambivalent : Während missionarische Kräfte teils die gewaltvollen Zustände in den Kolonien kritisierten, profitierten ihre Institutionen gleichzeitig direkt von den kolonialen Herrschaftsstrukturen. In Aachen war diese Dynamik über Jahrzehnte im Stadtbild und im Alltag präsent. Der Rundgang geht diesen heute vergessenen Orten nach, dekonstruiert eurozentrische Narrative und bricht die koloniale Perspektive durch gezielte wissenschaftliche Exkurse auf.
Inhaltliche Schwerpunkte und Stationen:
- Ehemaliges Karlshaus: Am Beispiel des Katholikentages von 1912 analysiert die Station die kirchenpolitischen Debatten zur Legitimation kolonialer Expansion. Im Fokus steht die historische Verknüpfung von christlicher Sittenlehre und kolonialer Rassenpolitik in den deutschen Kolonialgebieten.
- Ehemalige Jesuitenkirche St. Michael: Die Missionswoche als Massenereignis und Propagandainstrument, das zur religiösen Absicherung globaler Machtansprüche beitrug. Ein historischer Exkurs beleuchtet dabei die Jesuiten als frühe globale Player in der Frühen Neuzeit.
- Ehemalige Missionszentrale (Klosterplatz): Kritische Medienanalyse historischer Publikationen wie des „Missionskalenders 1926“. Die Station legt offen, wie stereotype Darstellungen genutzt wurden, um paternalistische Geber-Nehmer-Hierarchien und das bürgerliche Spendenwesen abzusichern.
- Geburtshaus Heinrich Hahn: Leben und Wirken von Heinrich Hahn – als sozial engagierter Arzt, Sozialpolitiker und Gründer des Franziskus-Xaverius-Missionsvereins. Ein kritischer Exkurs schlägt die Brücke zur Gegenwart: Diskutiert werden der Wandel von historischen Bildern des Mitleids hin zu heutigen Partnerschaften auf Augenhöhe sowie die Reflexion von Konzepten des sogenannten White Saviorism.
- Kaiser-Karls-Gymnasium: Am historischen Ort einer großen Missionsausstellung von 1922 wird die eurozentrische Wissensvermittlung hinterfragt. Dem systematischen Verschweigen lokaler Kräfte wird in einem biografischen Exkurs die konkrete Handlungsmacht (Agency) von Übersetzenden und Kulturvermittelnden aus dem Globalen Süden gegenübergestellt.
- Ehemaliges Missionsmuseum (Hirschgraben) – Exotisierung & Raubgut: Untersuchung der musealen Darstellung fremder Kulturen zur Legitimation der „Zivilisierungsmission“. Die Station thematisiert Rassismus, die Herkunft ethnologischer Objekte aus Gewaltkontexten (wie dem sogenannten Boxeraufstand) und dokumentiert den künstlerischen Widerstand kolonisierter Gesellschaften.
Methodischer Ansatz und Gegenwartsbezug:
Anhand von Veranstaltungsorten, Institutionen und reichhaltigem Archivmaterial verknüpft dieser quellenbasierte Rundgang aktuelle Forschungen zur Missions- und Kolonialgeschichte. Gezielte Gegenperspektiven und Biografien des Widerstands brechen eurozentrische Sichtweisen auf und schlagen Brücken zur modernen postkolonialen Bildungsarbeit.
Organisatorische Eckdaten
Dauer: ca. 120 Minuten
Strecke: Barrierearmer Rundweg in der Aachener Innenstadt
Treffpunkt: Bekanntgabe bei Buchung
Zielgruppe: Studierende, Bildungsträger, Volkshochschulen (VHS), NGOs, kirchliche Träger, geschlossene Fachgruppen sowie Jugendliche in der Sekundarstufe II (ab 16 Jahren)