KOLONIALBEWEGTE FRAUEN
Zwischen bürgerlichem Engagement und Phantasien von weißer Vorherrschaft
In den Köpfen der meisten Menschen ist Kolonialismus eine rein männliche Angelegenheit – geprägt von Soldaten, Gouverneuren und Entdeckern. Doch die weiße, bürgerliche Frau war von Anfang an eine zentrale Architektin und Stütze dieses Systems. Dieser Rundgang blickt hinter die Kulissen historischer Frauennetzwerke in Aachen und untersucht eine tiefe Ambivalenz: Wie bürgerliche Frauen als „weiße Herrinnen“ koloniale und rassistische Denkmuster nutzten, um sich selbst Freiräume, Privilegien und gesellschaftliche Aufwertung zu erkämpfen – exklusiv über die Kategorie „Rasse“ und auf Kosten kolonisierter Menschen.
Gleichzeitig bricht der Rundgang die eurozentrische Tätergeschichte konsequent auf, indem er die lautstarken Gegenstimmen und die Selbstbehauptung schwarzer und indigener Frauen an verschiedenen Stationen aufgreift – vom Zeitalter des Kolonialismus bis in die Gegenwart.
Inhaltliche Schwerpunkte und Stationen:
- Haus Mathey (Theaterstraße) – Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG): Die deutsche Frau als „Kulturträgerin“. Im Fokus steht ihr Einsatz zur Verhinderung von Verbindungen deutscher Männer mit indigenen Frauen, um die „weiße Vorherrschaft“ moralisch und biologisch abzusichern.
- Eden-Palast / ehem. Eden-Theater (Franzstraße) – Völkerschauen & „Amazonen“: Die Zurschaustellung der „Amazonen von Dahomey“ (1889) und die Aktivierung von Klischeebildern zur Publikumserwartung. Als Gegenstimme und Agency stehen der Widerstand der Darstellerinnen sowie die Dekonstruktion durch zeitgenössische afrikanische Kunst im Mittelpunkt.
- Ehemaliges Karlshaus: Rückblick auf die Sitzung des Missionsausschusses beim Katholikentag in Aachen (1912) und die Debatte um das Verbot von „Rassenmischehen“ im Kontext der Reichstagsdebatte.
- Theaterplatz – Kolonialismus nach dem Ersten Weltkrieg & Nationalsozialismus: Der „koloniale Phantomschmerz“ und Revisionismus (z. B. Julie Rehnisch) sowie der Einsatz für deutsche Schulen zum Erhalt des „Deutschtums“ und der weißen Vorherrschaft bis in die NS-Zeit.
- Thea von Harbou – Kolonialbegeisterte bürgerliche Frau: Die Verknüpfung von bürgerlicher Erfolgsautorin und kolonialer Begeisterung. Beleuchtet wird die Strahlkraft solcher Figuren und ihrer Werke (wie der literarischen „soldatischen Frau“) sowie Harbous Verbindungen in Aachen, die zeigten, wie tief kolonialer Geist in der Weimarer Populärkultur verankert war.
Methodischer Ansatz und Gegenwartsbezug:
Dieser Rundgang ist thematisch anspruchsvoll und zeichnet ideologische Kontinuitäten von der Ära des Kaiserreichs um 1900 bis in die 1940er Jahre nach. Die Vermittlung erfolgt konsequent quellenbasiert durch präzise Zitate und historische Dokumente. Anhand ausgewählter Biografien – von bürgerlichen Akteurinnen bis hin zu kolonisierten Frauen – werden Machtstrukturen greifbar gemacht. Durch gezielte Exkurse, unter anderem zu afrikanischen Künstlerinnen, schlägt der Rundgang Brücken zur Gegenwart.
Organisatorische Eckdaten:
Dauer: ca. 120 Minuten
Strecke: Barrierearmer Rundweg in der Aachener Innenstadt
Zielgruppe: Studierende, Bildungsträger, Volkshochschulen (VHS), NGOs, geschlossene Fachgruppen sowie Jugendliche in der Sekundarstufe II (ab 16 Jahren)